Ulrike in Accra

Freiwilligenarbeit in einem Waisenhaus

Die Vorbereitungen

Beim Ausfüllen der Ghana-Bewerbungsunterlagen entschied ich mich für ein Projekt in einer Schule oder in einem Waisenhaus. Denn für mich war es wichtig, meine Zeit mit ghanaischen Menschen, besonders mit Kindern zu verbringen.

Schon in den ersten Stunden nach meiner Ankunft war mir klar, dass ich hier in einer komplett anderen Kultur gelandet bin. Unzählig viele Menschen konfrontierten mich mit freundlichen Blicken und „Obruni“ Rufen, dem ghanaischen Ausdruck für weiße Menschen. Die ersten Tage verbrachte ich mit anderen Volontären aus ganz Europa in Ghanas Hauptstadt Accra, denn für jeden Neuankömmling sind einige organisierte Orientierungstage Pflicht. Diese Tage empfand ich als sehr nützlich, denn neben einem ghanaischen Koch, Drum und Dancing-Kurs und einer Einführung in die Sprache der Einheimischen (Twi), wurden besonders Formalitäten geklärt und Reiseziele empfohlen. Für mich waren die ersten Tage sehr wichtig, denn man lernte schnell, wie man sich als Weiße in Ghana verhalten sollte. Außerdem war es toll, die Vorfreude auf die Projektarbeit mit den anderen Volontären zu teilen.

Nach der Orientierungswoche fühlte man sich bereit für das eigentliche Abenteuer, die Freiwilligenarbeit im Waisenhaus. Jeder der Volontäre ging ins seine Projektstadt, manche mehrere hundert Kilometer von Accra entfernt, manche nur in einen Vorort. Ich wurde in einer kleinen Stadt, namens Kasoa, ca. 1std. westlich von Accra platziert. Meine Gastfamilie war für ghanaische Verhältnisse sehr wohlhabend und sogar in Besitz eines kleinen Shops am Straßenrand. Ich hatte drei jüngere Gastgeschwister 4, 6 und 8 Jahre alt und eine 17-jährige Gastcousine. Das Leben in einer ghanaischen Familie ist sehr interessant. Essgewohnheiten und der Familienalltag unterschieden sich äußerst von dem deutschen Familienleben. Gemeinsames Essen oder Beisammensitzen ist unüblich, auch ruhige Minuten für sich findet man eher selten, denn Ghanaer sind laute, immer fröhliche Menschen – auch zu später Stunde.

Mein erster Tag im Waisenhaus

Dort angekommen, war ich vollkommen überwältigt. Überwältigt von dem kleinen, bescheidenen und dennoch so schönem Reich, in dem die 120 Waisenkinder im Alter von 2 Wochen bis 17 Jahren, lebten. Die Kinder kamen ohne Berührungsängste und mit einem unglaublichen Charme auf mich zu und zeigten mir ihr zu Hause. Die Häuschen waren bunt bemalt und trugen die Aufschrift „donated by...”. Es war offensichtlich, dass viele Menschen dazu beigetragen haben, dass das Orphanage verhältnismäßig gut ausgestattet war.

Außer mir waren noch vier andere Volontäre aus Norwegen, Deutschland, England und Irland im Waisenhaus beschäftigt, die teilweise sogar dort wohnten. Ich war froh, dass ich mich mit ihnen austauschen konnte und hatte das gute Gefühl, dass wir als Team den Waisenhausalltag der Kinder verschönern konnten.

Am meisten hat mich die liebevolle Art der Kinder und ihre Interaktion mit mir berührt. Auch wenn sie nur die Landessprache Twi und kaum Englisch sprachen, waren sie aufgeschlossen und kontaktfreudig. Die älteren Kinder haben sich wie selbstverständlich um die Kleineren und um die im Waisenhaus anfallende Arbeit gekümmert.

Ich hatte schnell das Gefühl, dass sich die Kinder durch gute Organisation und Strukturierung des Alltags positiv entwickeln und entfalten konnten. Ich war beeindruckt, wie groß der kindliche Einfallsreichtum war; beispielsweise wurde eine Konservendose zum Fußball und ein gefalteter leerer Zementsack fungierte als modische Kopfbedeckung. Schnell war für uns Volontäre klar, dass unsere Aufgabe darin bestand, den Kindern Zeit und Zuwendung zu schenken und sie durch sinnvolle Beschäftigungen geistig und körperlich zu fordern.

Ich konnte es nicht glauben, wie sehr mir jedes Kind in Windeseile ans Herz gewachsen ist, so dass ich schon am ersten Tag wusste, dass mir der bevorstehende Abschied alles andere als leicht fallen würde.