Lara in Ghana

Freiwilligenarbeit in einem Waisenhaus

Dreieinhalb Monate Ghana standen mir nun bevor. Ich hatte keine Ahnung was mich erwarten sollte. Ich hatte nur die Information bekommen, dass ich vom Flughafen abgeholt und eine Woche in Accra zu einer Art Orientierungswoche sein werde . Danach würde es dann nach AgonaSwedru zu meiner Gasfamilie gehen, wo ich von da an im Waisenhaus "Blessed Little Angels" arbeiten sollte. Viele Informationen waren das nicht, hinzukam, dass ich noch nie so lange von zu Hause weg war und dann auch noch gleich Afrika. Außerdem war mein Schulenglisch auch nicht gerade das Beste und ich auch nicht unbedingt diejenige, die einfach mal drauf los erzählt. Also kurz vor dem Abflug war ich irgendwie doch nicht mehr so sicher, ob das wirklich mein Ding ist. Aber gut, ein wenig Aufregung gehört ja bekanntlich dazu.

Angekommen wurde ich wie besprochen von zwei netten Männern abgeholt, leider ohne Gepäck, das den Weg nach Ghana noch nicht geschafft hatte. Das fing ja schon einmal gut an, dachte ich mir. Aber es sollte der einzig schlechte Beigeschmack werden für die nächsten Monate. Die erste Woche war echt aufregend. Ich musste meine ganzen neuen Eindrücke erst einmal sortieren und verarbeiten. Da machte es auch nichts, dass ich in der Woche die einzige war, die anfing und somit die Orientierungswoche allein machte. Schade war es manchmal, da man gerne schon Kontakte geknüpft hätte. Aber ob der Trommellehrer, die nette Köchin oder eben die ganzen lieben Mitarbeiter von der ghanaischen Organisation, die sich vor Ort um mich gekümmert hat. Man war nie allein und alle waren vor allem um mich und meinen verlorenen Rucksack sehr besorgt.

Nach einer echt witzigen, abwechslungsreichen und auch sehr interessanten ersten Woche, hatte ich nicht nur einen guten ersten Eindruck von den Leuten und der Kultur hier, sondern ich muss auch sagen, dass es mir schon sehr gut gefallen hat. Es ist zwar viel lauter, dreckiger und voller aber alle Menschen sind einfach so herzlich und super offen. Nach rund zwei Stunden Busfahrt, diesmal mit Gepäck, kam ich nun im kleinen Städtchen AgonaSwedru an. Ich war ja schon echt sehr aufgeregt, wie mein neues zu Hause wohl so aussehen mag und vor allem wie meine Gastfamilie sein wird. Ich hatte zuvor einen Zettel bekommen mit Namen und Alter aller Familienmitglieder, mit denen ich nun zusammenleben sollte.

Was bringst du als Gastgeschenke mit? Was gibt es dort oder was muss ich alles noch mitbringen? Fragen über Fragen. Am besten nicht zu viel mitnehmen. Man glaubt es kaum, aber dort kann man (fast) alles kaufen. Vom Aufladekabel über Shampoo bis zur Taschenlampe. Meine Geschwister haben sich vor allem über Sachen gefreut, die ich mit ihnen zusammen machen konnte und über Sticker, am liebsten mit Glitzer ;-) Nach meiner Ankunft in Agona Swedru wurde ich nun von einem der Mitarbeiter der Partnerorganisation, meinem Ansprechpartner vor Ort, in Empfang genommen. Wir hielten an einem kleinen rosa Haus mit rosa Mauer drum herum. Kaum war ich aus dem Taxi ausgestiegen, kam schon Vivian (meine Hostmum) aus dem Haus gerannt und umarmte mich. „Welcome Lara“ Wow, damit hatte ich gar nicht gerechnet.Ich hatte dort ein eigenes Zimmer mit einem großen Bett, einem kleinen Tisch und einem Stuhl. Außer mit meiner Hostmum wohnte ich nun mit meinem Hostdad, meinen Schwestern Gifty (12 Jahre) und Olivia (8 Jahre), meinem kleinen Bruder Kofi (4 Jahre) und der Oma, die leider kein Englisch konnte, zusammen. Mit der Zeit lernte ich aber auch ein paar Wörter auf der lokalen Sprache Fanti. Mein älterer Bruder Richmond kam nur am Wochenende paarmal nach Hause, da er in einem Art Internat wohnt. Also es war immer etwas los. Ich hab mich direkt wohl gefühlt, da ich auch wie selbstverständlich, als ein weiteres Familienmitglied aufgenommen und behandelt wurde. Ich durfte alles mitmachen. Ich half beim Kochen. Abends saßen wir alle zusammen und schauten fern oder unternahmen etwas am Wochenende. Der sonntägliche Gang zur Kirche war natürlich auch sehr spannend und vor allem wichtig hier in Ghana. Ein kleines Spektakel! Es wurde sich schick gemacht. Alle trugen ihre afrikanischen Kleider. Meistens kam die ganze Familie mit und so kam es schon einmal vor, dass man zu acht im Taxi saß. Es wurde getanzt, gesungen und nochmal getanzt! Es hat echt Spaß gemacht!

Von Montag bis Freitag habe ich im Waisenhaus gearbeitet. Es hat seine Zeit gedauert bis man sich ein wenig reingefunden hatte. Welche Aufgaben habe ich, an wen kann ich mich wenden und wo finde ich alles? Vorallem eben, weil dort niemand, war der genau gesagt hat, was zu tun ist. Struktur und Pläne sieht man dort eben nicht so oft. Das heißt man muss Eigeninitiative zeigen und Kreativität mitbringen. Es kann am Anfang schon etwas frustrieren. Vor allem wenn man mit vielen großen Erwartungen dort hingekommen ist. Es wird nicht alles gleich auf Anhieb klappen und ich musste mich auch erst einmal an die ‚unzuverlässige’ Art gewöhnen. Aber man darf sich auf keinen Fall entmutigen lassen!!! Ich fing also jeden Tag so um kurz vor neun an und dann hieß es vormittags erst einmal Kinder belustigen, trösten, singen, ABC üben, essen, füttern, Po abwischen , Wasser aus dem Brunnen holen oder Toiletten putzen. So um drei kamen dann die Waisenkinder aus der Schule und wir machten zusammen Hausaufgaben, gingen Fußball spielen, planten eine Schnitzeljagt oder organisierten einen gemeinsamen Ausflug zum nahegelegenen Strand am Wochenende. Nach einer Weile lief es echt gut, auch das Erklären der Mathehausaufgaben auf Englisch. Brenzlig wurde es nur, wenn ein Kind dich verzweifelt anschaute und sagte "I wantWiwi", heißt so viel wie: „ich muss aufs Klo“, dann musste es schnell gehen. Allein meine kurzen Taxifahrten zur Arbeit waren schon eine Sache für sich. Jedes mal saß man mit neuen Leuten zusammen. Sobald ich dann versuchte auf Fanti „danke’“ („Medaase“) zu sagen war das Gekreische groß und man vergaß schnell die eigentliche Morgenmuffeligheit.

Am Wochenende verbrachte ich Zeit mit meiner Familie oder machte etwas mit anderen „Obrunis“ (Weißen). Ich hatte im Waisenhaus schon schnell ein paar andere Volunteerskennengelernt. Außerdem kamen immer wieder neue dazu.Es ging dann entweder an den Strand oder wir reisten herum und schauten uns Ghana an.

Im Nachhinein waren dreieinhalb Monate eigentlich viel zu kurz und ich wollte noch gar nicht gehen. Gerade der Abschied von meiner afrikanischen Familie fiel mir sehr, sehr schwer. Ich habe immer noch engen Kontakt zu ihnen und hoffe ich kann sie ganz bald mal wieder besuchen. Es war eine super Zeit. Mit vielen,vielen guten aber natürlich auch einigen schlechten und schwierigen Situationen. Aber es hat mich echt weitergebracht und nicht nur in meinem Englisch ;-) Außerdem habe ich viele neue Freunde gefunden. Bemerkenswert ist einfach, wie offen, herzlich und lebensfroh die Afrikaner sind im Vergleich zu vielen Menschen hier. Daran müssten wir uns mal ein Beispiel nehmen. Ganz am Ende muss ich außerdem noch sagen, dass sowohl into als auch die Leute vor Ort von der Partnerorganisation einen super Job gemacht haben. Ich hatte immer einen Ansprechpartner und war mit meinen Fragen nie allein.