Hannah in Walewale

Freiwilligenarbeit an einer Schule

Fünf Monate Ghana standen mir bevor, als ich in den Flieger nach Accra stieg. Ein großer Schritt ins Ungewisse, ich war noch nie außerhalb von Europa gewesen und ganz allein sowieso nicht. Noch kannte ich niemanden von der ghanaischen Organisation und deshalb stieg die Nervosität, ob alles klappen würde oder ob ich allein im unbekannten Land überfordert sein würde. Doch alle Angst verflog, als in Accra von der Organisation abgeholt wurde und sofort andere Volontäre kennenlernte, die auch an diesem Tag angereist waren. Insgesamt waren wir zu siebt aus drei verschiedenen Ländern und verbrachten die ersten beiden Tage zusammen in Accra. Noch mitten im Kulturschock war es gut, Gleichgesinnte um sich zu haben und so war es ein super Start. Nach drei Tagen ging es dann auf die lange Reise in den Norden Ghanas, wo meine Gastfamilie und mein Projekt auf mich warteten. Auch hier bestätigten sich keine meiner Ängste – die Fahrt war gut organisiert und im Norden wurden wir herzlich von unserer Koordinatorin begrüßt. Am Ende der „orientation week“ war ich dann endlich in Walewale angekommen, eine kleine Stadt zwei Stunden nördlich von Tamale, die für die nächsten fünf Monate mein Zuhause werden sollte. Bis zum Ende der Woche häuften sich die Überraschungen – nicht zuletzt, dass in meiner Familie bereits zwei andere Volontärinnen wohnten. So hatte ich das Glück, in der Eingewöhnungszeit nicht allein zu sein. Nach und nach lernte ich die Familie immer besser kennen und bin noch heute so unendlich froh darüber, so viele und tolle Gastgeschwister gehabt zu haben. Vom Süden in den Norden Ghanas zu kommen war nochmal ein deutlicher Unterschied: Welcome in real Africa! Die Häuser und Lebensweise der Menschen sind hier sehr einfach und arm, um es kurz zu machen. Das Eingewöhnen an die Umgebung und das Leben im Haus ohne fließendes Wasser verlief viel schneller als zu Beginn erwartet. Man merkt schnell, wie wenig eigentlich zum Leben notwendig ist.

Das Projekt, eine kleine privat gegründete Schule, in der mittags auch für die knapp 50 Kinder gekocht wurde, erwies sich durchgängig als Herausforderung. Es war schwierig, zu Beginn eine Struktur zu erkennen sowie den Aufgabenbereich der Volontäre. Es lag also an mir, meine Aufgaben zu finden und die Augen offen zu halten, wie ich helfen kann. Neben dem Kochen begann ich nach kurzer Zeit, meine eigene Klasse zu unterrichten, da ich sah, dass in der Klasse der Kleineren sowohl 3 als auch 8 Jährige saßen. So übernahm ich die ca 3-5 Jährigen, in der Hoffnung, die Arbeit der Lehrerin zu erleichtern und praktisch zu zeigen, wie in meinen Augen Unterrichten aussehen könnte. In Ghana funktioniert das nämlich zum Beispiel nicht ohne Schlagstock. Es ist schwierig und dauert seine Zeit, die Angewohnheiten der Ghanaer zu akzeptieren und nicht alles sofort zu verurteilen und zu meinen, es besser zu wissen, sondern einen Weg zu finden, seine Vorstellungen höflich und angemessen einzubringen. Das braucht Geduld und vor allem muss man lernen, sich kleine Ziele zu stecken, über kleine Erfolge froh zu sein und trotzdem nicht die Motivation zu verlieren. Trotz allem wuchsen mir die Kinder mit der Zeit unglaublich ans Herz und es war ein so toller Start in den Tag, immer in ihre strahlenden Gesichter zu blicken, wenn sie morgens lauthals meinen Namen riefen.

Es war eine unglaublich intensive Erfahrung, sowohl Teil des Familienlebens als auch Teil im Leben der Kinder des Projekts zu werden und es ist berührend, wie nah man Menschen kommen kann, die aus einer komplett anderen Kultur kommen, aber auch eine prägende Realitätserfahrung, wenn sie einem manchmal gleichzeitig doch fern bleiben. In der Familie erlebte ich sowohl eine Geburt als auch einen Todesfall und auch jeder Sonntag in der Kirche war ein einziges Kulturerlebnis. Bunt, laut und temperamentvoll – das ist Ghana! Davon konnte ich mich auch bei den Wochenendtrip überzeugen, die ich mit anderen Volontären aus der Umgebung unternahm und mich so in das wunderschöne Land Ghana immer mehr verliebte. Das Essen, das zu Beginn noch so unappetitlich wirkte, war nach einer Weile mein Alltag und ich freute mich immer wieder zum Beispiel auf „Tubani“. Das sind Bälle aus geschroteten Sojabohnen und Mais, die einfach mit heißem Öl,  Zwiebeln, Salz und Pfeffer serviert werden. Es war beeindruckend zu sehen, wie viele unterschiedliche Gerichte man aus so wenigen Zutaten kreieren kann und wie lecker diese auf einmal schmecken. Nudeln und andere deutsche Gerichte erschienen auf einmal sehr unattraktiv…

Die zweite Hälfte meines Aufenthaltes möchte ich nicht missen. Nach zweieinhalb Monaten hatte ich mich endlich mit allem drum und dran eingelebt und außerdem lebte ich nun als einzige Volontärin in der Familie. Zwar war es gut, zu Beginn seine Verbündeten zu haben, aber alleine lebte ich noch intensiver mit den Einheimischen. Der Abschied war deshalb sehr schwer, die ganze Atmosphäre, Freundlichkeit, Offenheit und Gelassenheit der Ghanaer vermisse ich seit dem ersten Schritt ins Flugzeug nach Deutschland. Am liebsten wäre ich länger geblieben und ich war sehr froh, länger als drei Monate geblieben zu sein. Diese Zeit hat bei mir nur für einen Eindruck gereicht, das richtige Leben begann erst später.

Ich bin froh, den Weg über into eingeschlagen zu haben und dankbar für alle Erfahrungen, die ich auch aufgrund der zuverlässigen Arbeit der Organisationen sammeln konnte. Trotzdem war es für mich manchmal schwierig zu akzeptieren, dass Volontäre mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Zielen Freiwilligenarbeit absolvieren. Jedem das Seine, aber ich möchte allen sagen: Nutzt diese Zeit, um einmal davon befreit zu sein, nicht an euch zu denken, sondern an Menschen, die ihr mit eurer Gegenwart und Arbeit so glücklich machen könnt!