Valentine in Rosario

Freiwilligenarbeit in einem Kulturzentrum

„Was willst du eigentlich in Argentinien?“ Das war die Standardfrage, die mir nicht nur vor, sondern auch während meines Aufenthaltes im „Land des Tangos“ immer wieder begegnete und auf die ich lange Zeit keine rechte Antwort wusste. Die Entscheidung als Volunteer für zwei Monate ans andere Ende der Welt zu reisen, fiel eher spontan und was mich erwartete, war mir noch im Flugzeug nach Rosario recht unklar. „Arbeit mit den Ureinwohnern“ das stand in der Programmbeschreibung und kuriose Angaben wie „Workshops zu Papierrecycling, einheimischen Tänzen und Körpersprache“ folgten. So richtig konnte ich mir darunter kaum etwas vorstellen und auch der Begriff „Ureinwohner“ weckte in mir wilde Fantasien von halbnackten Männern mit Kriegsbemalung, die laut johlend um ein Feuer herumtanzen und dabei mit kleinen Speeren in der Luft herumfuchteln. So viel sei schon mal gesagt: Die Realität sah etwas anders aus.

Mein Abenteuer begann mit einer endlos erscheinenden Reise über den atlantischen Ozean und nach zahlreichen Flugstunden war ich froh in Rosario von der lokalen Betreuerin Tania abgeholt und zu meiner Gast“mutter“ Giulia (die altersmäßig eher wie eine Schwester für mich war) gebracht zu werden. Am nächsten Morgen ging es dann auch direkt zu einer Teambesprechung mit Tania und der Projektleiterin Marcela, von der ich, dank meiner anfangs ziemlich bescheidenen Spanischkenntnisse, allerdings nur knapp die Hälfte verstand. Ich sollte mir das Projekt in den ersten Tagen wohl zunächst mal anschauen und mich dann entscheiden, in welchem Bereich ich gerne intensiver tätig werden möchte. So erwartete ich gespannt meinen ersten Arbeitstag und freute mich die „Ureinwohner“ endlich persönlich kennen lernen zu dürfen! Das Projekt, genannt „El Obrador“, kann man sich wie ein Sozialzentrum vorstellen und jeden Tag werden verschiedene Workshops für die Eingeborenen angeboten, da diese unter ärmlichsten Verhältnissen am Rande der Gesellschaft leben und vom Staat kaum Unterstützung erhalten. So gibt es beispielsweise eine Kleiderkammer in der ausgemusterte Kleidungsstücke an die Bedürftigen ausgegeben werden oder alte Stoffe genutzt werden, um Kuscheltiere, Decken oder neue Klamotten herzustellen. Auch eine Schreinerei gehört zum Projekt und es werden Bastel-Workshops angeboten, in denen die Kinder zum Beispiel Drachen bauen können oder sich mit Fingerfarbe kreativ ausleben.

Besonders beliebt war außerdem ein Hip-Hop Workshop für die Jugendlichen und ein Kurs in dem der lateinamerikanische Tanz „Cumbia“ eingeübt wurde. Dabei kamen jung und alt zusammen und das war es auch, was dieses Projekt besonders interessant für mich machte. Es gab eine Kinderbetreuung für Kinder ab 2 Jahren, aber gleichzeitig kamen auch ältere Menschen, um an den Workshops teilzunehmen. So wurde es nie langweilig und jeder Tag gestaltete sich anders. Dabei spielte sicherlich auch die argentinische Arbeitsmoral eine Rolle, denn man wusste nie, wer sich heute wohl dazu aufraffen würde zu arbeiten und wie der Tag verlaufen würde. Mein anfänglicher Elan („Ich muss jetzt hier was arbeiten und bewegen“) sorgte somit auch für große Erheiterung und blieb bis zum Schluss eine kuriose Anekdote für sämtliche Angestellten. Diese integrierten mich von Anfang an direkt in ihr Team und ich wurde herzlich willkommen geheißen.

Da die Arbeit, nach dem persönlichen Austausch, erst an zweiter Stelle stand, hatte ich auch genügend Zeit mich mit den Menschen zu unterhalten und es entstand schnell ein freundschaftliches Verhältnis untereinander. Auch die „Ureinwohner“ waren keinesfalls skeptisch gegenüber der „großen Blonden“ eingestellt, sondern zeigten sich neugierig und sehr interessiert. Besonders viel Spaß hat mir die Arbeit mit den Kindern gemacht, für die ich wohl eine Art Außerirdische darstellte. Dass jemand mit einem Flugzeug von einem anderen Kontinenten angereist kommt, um mit ihnen zu spielen, das hatte es so noch nicht gegeben und irgendwann war auch geklärt, dass ich nicht aus Paraguay, sondern aus Deutschland kam und mich deswegen nicht nur anders anhörte, sondern oftmals auch kein Wort von dem verstand, was in einem einzigen Redeschwall auf mich niederprasselte. Das war eine komplett neue Erfahrung für die Kids, doch schnell schlossen sie das große Dummerchen in ihr Herz, dem sie ja sooooo viel erklären mussten. So wurde ich mit selbstgemalten Bildern, Briefen und Stickern reich beschenkt und der Abschied fiel schwer, als ich nach zahlreichen Fußballspielen, „Spiel des Lebens“-Runden und Versteckspielen irgendwann zu meinem letzten Arbeitstag erschien und es endgültig „Chau“ zu sagen galt. Mit Tränchen in den Augen stieg ich in den Bus Richtung Heimat und wusste, dass ich nicht nur das Projekt vermissen würde, sondern auch die Stadt Rosario, die Mentalität der Argentinier und jeden Tag, den ich in diesem so abwechslungsreichen Land verbringen durfte.

Ich habe viel erlebt und meine Reisen zu den Iguazú-Wasserfällen, sowie nach Buenos Aires, stellten zwei besondere Höhepunkte dar. Meine Gast“mutter“ sorgte zudem stets dafür, dass mir auch ja nicht langweilig wurde und so besuchte ich Tangoklassen, hatte Folkloretanzunterricht und besuchte eine Fiesta nach der nächsten. Die zwei Monate in Argentinien waren eine sehr intensive Zeit und ich habe das Gefühl, vieles gelernt und Erfahrungen gesammelt zu haben, die mich für den Rest meines Lebens begleiten. Ich könnte einen Roman füllen mit all den Erlebnissen aus dieser wunderschönen Zeit und über all die Menschen, die ich kennen lernen durfte und die diese zwei Monate so unvergesslich gemacht haben! Wenn mir jetzt jemand die Frage stellt „Warum willst du eigentlich nach Argentinien?“ dann weiß ich 1000 Antworten darauf und eines steht jetzt schon fest: Ich werde zurückkehren!